Dem Lernen haftet also durchaus etwas Leidvolles an, mit einem Muss als Motor. Sichtbar im Glaubenssatz «per aspera ad astra», was so viel bedeutet: Nur wer sich anstrengt, gelangt zur Erfüllung. Würden wir Lernen als etwas Spielerisches, als neugierige Antwort auf die Anregungen der Welt verstehen, würde diese Haltung wohl nicht entstehen. Leider berichten nicht wenige Erwachsene von mühsamen Erfahrungen mit dem Lernen. Vielleicht ist dies mit ein Grund, dass beinahe jede dritte erwachsene Person in den Ländern der OECD über geringe Grundkompetenzen in den Bereich Lesen, Schreiben und Rechnen verfügt, wie der Schweizerische Verband für Weiterbildung SVEB zum Weltalphabetisierungstag Anfang September schreibt?
Erwachsene lernen anders als Kinder
Erwachsene haben häufig ein spezifisches Ziel vor Augen, wenn sie lernen, meist geht es um ihren Umgang mit Herausforderungen im Beruf. Das ist legitim. Nicht selten ist ihre Motivation, sich beruflich neu auszurichten, eine bevorstehende Beförderung oder der Wunsch, eine neue Sprache zu lernen, weil sich die Firma international neu aufgestellt hat. Es sind somit zumeist externe Faktoren, die eine Erneuerung von Wissen und die Aktualisierung von Kompetenzen verlangen. Oder biographische Ereignisse und Umbrüche im Leben. Dabei ist die Herausforderung, liebgewonnene Ansichten oder Fähigkeiten umzulernen. Bei Erwachsenen steht also das Anpassungslernen im Vordergrund.
Der Ruf nach lebenslangem Lernen
Ich meine, dass dies ein verkürzter Blick auf Zukunft ist. Lernen braucht nicht immer blosse Reaktion auf herausfordernde Problemlagen zu sein. Eine Motivation für Lernen könnte auch sein, an der Gestaltung der Zukunft aktiv und verantwortungsbewusst teilhaben zu wollen und zu können. Lebenslanges Lernen befähigt dann, die bestehenden Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen. Dies ist im Kern emanzipatorische Bildung.

Spannungsfeld zwischen Employability und Emanzipation
Verstehen wir Zukunft also als Herausforderung oder als Gestaltungsraum? Dies jedenfalls fragt Helen Buchs von TRANSIT, dem Think Tank für die Zukunft der Weiterbildung. Für sie ist längst sichtbar, dass sich der Fokus vom reinen Verwendungszweck von Lernen für die eigene Arbeitsmarkttauglichkeit verschieben muss: Betrachtet man die globalen Trends, scheint es nötig zu sein, in komplexen, widersprüchlichen und unsicheren Situationen urteils- und handlungsfähig zu sein bzw. zu bleiben. In Situationen, in denen die Demokratie unter Druck ist, erst recht. Die berufliche Weiterbildung ist im Rahmen dieser Herausforderung entsprechend gefragt, wenn das lebenslange Lernen transformativ werden soll.
Wirksame Lernumgebungen
Die Weiterbildung Fachperson Natur und Umwelt mit eidg. Fachausweis der sanu ist ein entsprechendes Angebot, das auf den Bedarf des Lebenslangen Lernens in beiden, geforderten Facetten antwortet. Einerseits werden Perspektiven für den Arbeitsmarkt erweitert. In der Weiterbildung stärken die Teilnehmenden ihre eigenen Kompetenzen und gewinnen fachliche Sicherheit für neue berufliche Herausforderungen. Auf der anderen Seite ist das Lernen und das Qualifikationsverfahren so organisiert, dass die Teilnehmenden zusammen handeln und so erfahren, dass sie gemeinsam Wirkung erzeugen: In Lerngemeinschaften, die von der Heterogenität der Teilnehmenden profitieren, realisieren sie eigene Umweltprojekte, stossen dadurch positive Veränderungen in ihrem (künftigen beruflichen) Umfeld an und vergrössern ihr eigenes Netzwerk. So hilft die Weiterbildung den Teilnehmenden, die vermittelten Inhalte auf eine praxisnahe Weise zu integrieren. Und die Teilnehmenden wiederum kommen ins Handeln und stärken ihr Engagement. Und dann ist Lernen sinnstiftend und macht sichtlich auch Spass!

Über Sandra Wilhelm
Sandra Wilhelm hat Pädagogik, Umweltwissenschaften und Umweltpsychologie studiert und mehrere Jahre als Dozentin und Beraterin für Bildung für Nachhaltige Entwicklung gearbeitet. Daneben hat sie ein eidg. Diplom als Ausbildungsleiterin erworben und sich ab 2018 mit ihrer Firma «anders kompetent GmbH» selbstständig gemacht. Ihre Arbeit ist dabei stets auf die Förderung von Transformationskompetenzen ausgerichtet.
