KI ist als Hilfsmittel, knapp vier Jahre nach dem Chat GPT der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Auch in der Bildung wird KI fürs Recherchieren, Texten und Visualisieren eingesetzt. Es scheint sogar möglich, dass KI aufwändige Weiterbildungen ersetzen kann. Der Zugang zu Bildung scheint für alle greifbar zu sein. Gleichzeitig werden Stimmen laut, die davor warnen, dass eine erhöhte Nutzung von KI dazu führe, dass die Fähigkeit, kritisch zu denken abnehmen könnte. Fluch oder Segen?
Zuerst stellt sich die Frage, was bedeutet kritisches Denken? Mit kritischem Denken sind unsere kognitiven Fähigkeiten oder Strategien gemeint, die uns darin unterstützen zum gewünschten Ergebnis zu gelangen. Sie sind zielgerichtet, durchdacht und zweckorientiert. Kritisches Denken ist die Art des Denkens, die bei der Lösung von Problemen, der Formulierung von Schlussfolgerungen, der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten und der Entscheidungsfindung zum Tragen kommt. Zusätzlich gehört dazu, dass der Denkprozess selbst bewertet wird – also, wie bin ich zum Ergebnis gelangt?
Es gibt Berichte, welche den Einfluss der Nutzung von KI auf kognitive Fähigkeiten thematisieren und teils auf qualitativen Befragungen, teils auf quantitativen Tests beruhen. Die Stichprobenmenge variiert. Eine Befragung von 200 Führungskräften (Quick Thinking 2.0 Report, Confluent, 2025) erhob Einstellungen und Nutzungsverhalten im Umgang mit KI. Sie zeigt, dass die Führungskräfte KI nutzen, auch um Entscheidungen zu treffen. Es scheint dabei vor allem um eine effizientere Verarbeitung von Daten zu gehen. Fast die Hälfte der Befragten gaben an, dass sie stärker auf KI hören als auf den Rat von Kolleg*innen. 80% zweifeln an ihrer eigenen Entscheidung, wenn KI dieser widerspricht.
Eine Studie von Gerlich (2025) mit über 600 Teilnehmenden kombiniert persönliche Einschätzungen der Befragten und kognitive Tests. Sie weist auf einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen der Nutzung von KI-Tools und der Fähigkeit zum kritischen Denken hin. Befragte, die angaben, KI-Tools häufiger zu nutzen, erzielten bei den Tests zum kritischen Denken durchweg niedrigere Werte. Sie zeigt, dass die kognitive Entlastung das Zusammenspiel zwischen der Nutzung von KI-Tools und dem kritischen Denken signifikant beeinflusst. (Kognitive Entlastung meint eine Handlung, um die Informationsverarbeitung oder eine Aufgabe so zu verändern oder auszulagern, dass ich intellektuell weniger gefordert bin.) Befragte, bei denen durch die Nutzung von KI-Tools eine stärkere kognitive Entlastung auftrat, wiesen geringere Fähigkeiten zum kritischen Denken auf. Das weist darauf hin, dass sich die Verringerung der kognitiven Belastung durch KI-Tools negativ auf die Entwicklung des kritischen Denkens auswirkt. Allerdings ist auch hier anzumerken, dass ein Teil der Studie auf Selbsteinschätzung der Befragten basiert.
Diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass wir bereit sind, gewisse kognitive Aufgaben an KI auszulagern, um uns zu entlasten und weil wir ausreichend Vertrauen in KI haben. Wir haben die Tendenz, gewisse Informationen und Inhalte (aus Effizienz oder Bequemlichkeit) als richtig anzunehmen, ohne diese vertieft zu prüfen (ein Phänomen, dass nicht nur in Zusammenhang mit KI auftritt). Diese Nutzungsart beeinflusst den Berufskontext. Die Kehrseite wird deutlich, dass leicht automatisierbare Berufe zu verschwinden drohen oder bereits teilweise von KI abgelöst werden. Bei Aufgaben mit hoher Informationsdichte und standardisierbaren Prozessen ist KI effizienter als der Mensch.
Daraus ergibt sich, dass es notwendig ist, die entsprechenden Kompetenzen im Umgang mit KI zu entwickeln, beispielsweise KI-generierte Inhalte kritisch bewerten zu können. KI muss in die Bildung integriert werden. Durch neue Anwendungen kann der Lernweg individualisiert werden und die Motivation beim Lernen gesteigert werden. Es geht nicht um das Auslagern von Aufgaben, sondern darum, das kritische Denken zu integrieren. Studierende sollen dazu angeregt werden, sich intensiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Spannend finde ich den Gedanken, dass es gerade die Herausforderung und die Anstrengung ist, die uns am Ende zum Erfolgserlebnis verhilft. Also eigentlich, das wir mit der kognitiven Entlastung zu umgehen versuchen.
Zudem müssen sprachliche Kompetenzen und die Gesprächsfähigkeit bewusst gefördert werden. Da KI über die Sprache interagiert, ist die Qualität des Austausch und das Ergebnis nur so gut, wie das sprachliche Niveau z. B. Präzision im Ausdruck. Die (zwischenmenschliche) Gesprächsfähigkeit zu erhalten, ist wichtig, weil hier Elemente wie empathisch zuhören, Widerspruch ertragen, Ambiguität aushalten, auf Unvorhergesehenes reagieren, streiten und klären zum Tragen kommen, welche in sozialen Beziehungen, jedoch nicht im Austausch mit KI gefordert sind.
Wie gehen KI, Lernen und kritisches Denken zusammen?