An schönen Sommerwochenenden und während Veranstaltungen wie dem Lakelive Festival wird es im Bieler Ländtequartier lebhaft – manchmal etwas zu lebhaft. Der See ist Magnet für Freizeitsuchende aus Nah und Fern. Das hat auch Auswirkungen auf das an den Hafen angrenzende Quartier: Parkplatzsuchende kurven durch die engen, teilweise einspurigen Strassen und besetzen Parkplätze, die für Anwohnende und Besuchende gedacht sind.
Quartierbegehung stösst auf grosses Interesse
Um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und die Perspektiven und Wünsche der Quartierbevölkerung aufzunehmen, hat die Abteilung Infrastruktur der Stadt Biel kürzlich zu einer Quartierbegehung eingeladen. sanu wurde mit dem Design, der Moderation und Auswertung des Dialogprozesses beauftragt.
Der an einem Samstagvormittag durchgeführte Anlass stiess auf unerwartet erfreulich grosses Interesse: 48 Personen waren angemeldet, teilgenommen haben rund 70 Anwohnende. Die hohe Beteiligung zeigt, wie sehr das Thema im Quartier beschäftigt und wie die Mitsprachemöglichkeit von der Bevölkerung geschätzt wurde.

Mobilisierung via Infotafeln im Quartier (Bild: sanu ag)
Der Auftraggeber ist im Herbst 2025 mit dem Wunsch auf sanu zugekommen, eine schriftliche Umfrage durchzuführen. Anlässlich einer Kick-off-Sitzung konnte aufgezeigt werden, dass am Anfang eines Mitwirkungsprozesses nicht die Methodik, sondern die Ausgangslage, die Ziele und der Zweck einer partizipativen Vorgehensweise geklärt werden sollten. Was soll untersucht werden? Warum ist das Thema relevant? Wozu dienen die Ergebnisse? Wer soll in den Prozess einbezogen werden? Welches sind die Rahmenbedingungen? Auf dieser Grundlage wurde entschieden, die Bevölkerung in Form einer Quartierbegehung in Kombination mit einer schriftlichen Befragung einzubeziehen.
Dieses multimethodische Vorgehen ermöglicht es den Anwohnenden, ihre Rückmeldungen auf unterschiedliche Weise einzubringen: im persönlichen Austausch vor Ort und/oder zeitlich flexibel über ein Online-Formular.
Gleiche Ziele, unterschiedliche Lösungsansätze
Die Begehung bot eine wertvolle Gelegenheit, neuralgische Punkte dank der Quartierexpertise der Bewohnenden zu erkennen, Unzufriedenheiten anzusprechen, offene Fragen zu klären und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. In den drei von sanu moderierten und nach sprachlichen Präferenzen eingeteilten Gruppen wurden Sorgen, Bedürfnisse und mögliche Lösungsansätze diskutiert. Dabei wurde deutlich, wie vielfältig die Ansprüche sind: Während ich einer generellen Sperrung der Zufahrtsstrasse sowie der Aufhebung von Parkplätzen positiv gegenüberstehe, spricht sich meine Nachbarin für eine uneingeschränkte Zufahrt für Anwohnende und breitere Parkplätze aus.

Austausch vor Ort fördert das Verständnis und die Kompromissbereitschaft? (Bild: sanu ag)
Zentrale Themen waren der Suchverkehr an schönen Sommerwochenenden, das widerrechtliche Parkieren im Quartier sowie die geplante Aufhebung einzelner Parkplätze. Rasch wurde klar, dass das geltende Fahrverbot mit Zubringerdienst sichtbarer gemacht und konsequenter kontrolliert werden muss. Zudem sollen die Freizeitsuchenden mit Tafeln auf die offiziellen Parkplätze aufmerksam gemacht werden. Ob und welche weiteren Ideen realisiert werden – etwa die Installation von Pollern, neue Einbahnstrassen, temporäre Massnahmen an besonders frequentierten Tagen o.ä. – wird sich erst zeigen, wenn alle Rückmeldungen ausgewertet sind. Unbestritten war hingegen die Einführung einer Begegnungszone, d.h. Tempo 20 km/h und Vortritt für die Fussgängerinnen und Fussgänger.

Partizipation bedeutet Beziehungs- und Kommunikationsarbeit
Partizipationsprozesse sind anspruchsvoll, laufen längst nicht immer rund, bringen Arbeit und Kosten mit sich. Damit solche Projekte zu einem guten Abschluss kommen, müssen die Spielregeln von Anfang an klar kommuniziert sowie Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation aufgezeigt werden. Eine freiwillige Mitwirkung darf nicht der reinen Akzeptanzbeschaffung dienen, kann aber die Akzeptanz eines Projektes erhöhen, Problemfelder aufzeigen und die Planungssicherheit verbessern. Werden Betroffene zu ernst genommenen Beteiligten, so führt dies nicht automatisch zu Verzögerungen, sondern vielmehr zu einer nachhaltigen Projektoptimierung. Das geschilderte Beispiel zeigt eindrücklich, dass kleinere Prozesse in kurzer Zeit realisiert werden können, wenn eine gute Planung gemacht wird und das Zusammenspiel im Projektteam funktioniert.
Der Mitwirkungsprozess ist mit der Durchführung eines Anlasses nicht abgeschlossen: erste niederschwellige Massnahmen – sogenannte quick wins - sollten möglichst rasch umgesetzt werden. Und die Beteiligten müssen in geeigneter Weise über das weitere Vorgehen und die beschlossenen Massnahmen informiert werden. Partizipation ist vor allem eines: aktive Kommunikations- und Beziehungsarbeit.
Weiterbildung sanu
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Gelebte Partizipation im Bieler Ländtequartier