Im Zirkus des Lebens

«oder wie aus einem Doughnut eine Arena für Beziehungen wird»

Kate Raworth ist eine britische Wirtschaftswissenschaftlerin, die in Oxford und Cambridge lehrt. 2012 veröffentlichte sie ihre Theorie der Doughnut-Ökonomie, die fortan ihre wissenschaftliche Arbeit bestimmen sollte. Am 4. Mai 2026 trat sie in Zürich mit ihrem «Doughnut Economics Circus – Battle for the Biosphere» im Kraftwerk in Zürich auf – ein interaktives Bühnenspektakel, das die Theorie eingängig erklärt und Wege aus der zerstörerischen Macht des Finanzsektors aufzeigen will.


Doughnut-Ökonomie

In einfachster Sprache besagt die Doughnut-Ökonomie: «Lassen wir niemanden im Loch zurück, und überschreiten wir dabei nicht die Grenzen unserer Erde.» Welches Loch ist gemeint, und welche Grenzen?


Kate Raworth benennt in ihrer Theorie zwölf Dimensionen, die für das gesellschaftliche Funktionieren des menschlichen Lebens zentral sind: zum Beispiel Energie, Bildung, politische Teilhabe, Nahrung oder soziale Gerechtigkeit und werden im Innern des Doughnuts (im «Loch») abgebildet. Damit unsere natürlichen Lebensgrundlagen nachhaltig geschützt werden können, muss sich auch die Gesellschaft verändern und diese Grundbedürfnisse hinreichend erfüllen. Neun äussere Dimensionen, bei denen Johan Rockström mit Forschenden aus der ganzen Welt planetare Grenzen ausgemacht hat (wie zum Beispiel Veränderungen der Biosphäre oder Versauerung der Ozeane), dürfen nicht überschritten werden, um die Lebenschancen heutiger und zukünftiger Generationen nicht zu beeinträchtigen. Im Jahr 2025 wurde festgestellt, dass wir bereits in sieben der neun Dimensionen erhöhte bis sehr hohe Risiken eingehen. Nur noch die atmosphärische Aerosolbelastung und der Ozonabbau befinden sich im grünen Bereich.


Unser Handeln hat Konsequenzen, die weit über unsere unmittelbare Umgebung hinausgehen. Es ist essenziell, ein Gleichgewicht zu finden, das sowohl die Bedürfnisse der Menschen als auch die ökologischen Grenzen respektiert. Dies erfordert Innovation und Adaptation in der Art und Weise, wie wir wirtschaften und leben. Genau hier setzt Kate Raworth mit ihrem Zirkus-Spektakel an.


Mutter Natur trifft auf Herr Finanzsystem


Im Kampf für die Biosphäre trifft Mutter Natur auf Herr Finanzsystem – Kate Raworth bezieht das Publikum gekonnt mit ein für jede Rolle, die es zu besetzen gilt. Angesichts der wenigen, aber eindrücklichen Zahlen, die präsentiert werden, bleibt uns manchmal das Lachen im Hals stecken – und doch ist es ein entspannter Abend; einer, an dem keine Reaktion falsch ist und alle zusammen Wege aus der Krise suchen.



Grundprinzipien der Natur werden auf der Bühne denjenigen des Finanzsystems gegenübergestellt: Wo die Natur in komplexen Beziehungen gedeiht, reduziert das Finanzsystem diese wo immer möglich auf ein simples Preisschild. Regenerative Zyklen, die das Wohlergehen aller Systemmitglieder nähren, werden von akkumulativen Finanzabsichten – dem Streben nach Reichtum und Macht – zerstört. Im Gegensatz zur Natur, die im Hier und Jetzt verkörpert ist und uns als Nahrung, Baustoff oder Inspirationsquelle täglich begegnet, greift das Finanzsystem als Pensionskasse, Hypothek oder Konto körperlos – und damit unfassbar – in unser Leben ein. Ein letzter Unterschied zwischen den beiden liegt in der Perspektive: natürliche Systeme sind auf langfristige Balance eingestellt, währenddem im Finanzsektor im Quartalstakt über Erfolg und Misserfolg entschieden wird. Kate Raworth zeigt auf der Bühne mit Hilfe des Publikums so akrobatisch wie anschaulich, wie diese prinzipiellen Unterschiede der beiden Systeme zur Zerstörung der Natur führen.


Therapien für den Finanzsektor

Zusammen mit dem Publikum werden drei Treiber für des heutigen Finanzsystems identifiziert: Furcht (u.a. Verlustangst), Gier und Machtstreben. In einer partizipativen Therapiesitzung wird Herr Finanzsystem von diesen therapiert, so dass er am Ende einwilligt, sich alternative Ideen für das Finanzsystem zumindest anzuhören und den Perspektivenwechsel vom «me» zum «we» zu wagen. Ab diesem Moment sollte es nochmals konkreter werden: Das Publikum wird aufgefordert, Ideen und Wissen auszutauschen, wie und wo der Finanzsektoren anders funktionieren könnte; nachhaltiger, sozialer, das Leben und das Lebendige nährend. Einzige Kritik an diesem Abend: hier hätte ich mir mehr Anstösse von Kate Raworth und ihrem Team gewünscht, damit unser Vorstellungsvermögen so richtig wachgerüttelt wird. Konkrete Beispiele und wirklich neue Impulse, wie Unternehmen, Organisationen, die Politik und jederfrau das Finanzsystem verändern können, fehlten mir am Ende doch ein wenig.


Fazit: Dieser Zirkus ist eine gelungene Vorstellung, die mir viele Denkanstösse gibt – inhaltlich natürlich, aber auch methodisch-didaktisch sowie bezüglich Zielgruppen und ihren Interessen. Herzlichen Dank dem WWF Schweiz, Impact Hub Zürich, One Planet Lab und Swiss Donut Economics Network für die Organisation des Abends!


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Im Zirkus des Lebens
sanu future learning ag, Kathrin Schlup 6. Mai 2026
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